Ärzteklaue & faule Hunde – Forschungen zur Schönschrift von Ärzten

Jüngere Leser werden keinen Schimmer haben, worum es im Folgenden geht. Zur Erklärung: Bis vor wenigen Jahren wurden Rezepte noch vom Arzt selbst mit angeblich kratzeliger Klaue auf ein Zettelchen gekrickelt. Heute kommen die Verschreibungen aus dem Drucker, sodass die Erscheinung, wenn überhaupt, nur noch alternden Lahntaler Landärzten bekannt sein dürfte.Aber unsere Forschungsvielfalt gebiert zahlreichen Studien, die sich mit dem Thema auseinandersetzen. Und diese scheinen sich auch noch zu widersprechen.

Im Jahr 1998 hatten R. Lyons, Ch. Payne, M. McCabe und C. Fielder aus Swansea (Wales) die bereits dritte Studie durchgeführt, um die weltweit verbreitete Aussage zu klären, ob Ärzte wirklich so schlecht schreiben, wie der Volksmund weltweit zu wissen meint.

Dazu baten sie 92 Kollegen sowohl vom Gesundheitsamt von Swansea als auch von der Notaufnahme im Morriston Hospital und einer ebenfalls örtlichen HNO-Abteilung, alle Buchstaben des Alphabets und die Zahlen von null bis neun aufzuschreiben. Zur Vertuschung des wahren Anliegens behaupteten die Untersucher, dies diene zum Programmieren eines Leseprogramms für einen Computer. Daher sollten die Kollegen so ordentlich wie möglich schreiben.

Die ausgefüllten Bögen wurden dann auch wirklich mit einem Scanner eingelesen und die Ziffern und Buchstaben automatisch erkannt – so gut das angesichts der jeweiligen Klaue eben ging. Die Schreibenden wurden dabei einer von drei Gruppen zugeordnet: Entweder gehörten sie zu den »Medizinern«, »Pflegern« oder »Verwaltungsleuten«.

Als Erstes fiel auf, dass die Zahlen in allen Gruppen stets lesbar waren. Das stand auch in Einklang mit früheren Studien, in denen sich gezeigt hatte, dass vor allem die Buchstaben vermurxt wurden. Und in der Tat, bei den Buchstaben »gab es einen sehr deutlichen Unterschied zwischen den Gruppen«, so die ärztlichen Kollegen. »Die Ärzte hatten im Vergleich zu den Verwaltungsleuten und den Pflegern mehr Fehler. Der Studie des Kollegen Berwick aus den USA können wir nicht folgen, weil er statt eines Leseprogramms Menschen einsetzte und auch keine Vergleichsgruppe wählte.« Damit schien das Problem abgehakt. Doch die US-Amerikaner fühlten sich nun herausgefordert und legten tatsächlich an der Uniklinik in Kansas eine weitere Untersuchung zu diesem heißen Thema nach. Die dortigen Kollegen baten je zehn männliche und weibliche Buchhalter, Anwälte, Kfz-Mechaniker, Ärzte, Wissenschaftler, Bauarbeiter und Ingenieure (n gesamt = 140), zügig den Satz »the quick brown fox jumps over the lazy dog« zu schreiben. In dieser Sentenz kommen alle Buchstaben des Alphabets vor.

Nun wurde, statt wie im vorigen Versuch von einem Computer, von einem Menschen beurteilt, wie viele vergurkte Buchstaben sich in dem Set der braunen, springenden Füchse und faulen Hunde fanden. Vier zusätzliche Schiedsrichter bestimmten des weiteren, ob die Sätze schlecht, brauchbar, gut oder ausgezeichnet geschrieben worden waren.

Es stellte sich trotz der vielen Mühen doch nur heraus, dass allein die Ausbildungszeit und das Geschlecht das Schriftbild bestimmt hatten. Der Beruf spielte dabei keine Rolle. Im Schnitt waren 40% (!) der von Männern geschriebenen Buchstaben unleserlich; bei Frauen waren es immerhin noch 20 gekritzelte Prozent. Was tun? »Ehrlich gesagt«, finden Rodriguez-Vera und Kollegen, »sollten wir Ärzte es einfach lassen und nicht mehr mit der Hand schreiben. Dann ist es auch egal, ob jemand die Schrift lesen kann oder nicht.«

Dieser Meinung schließen sich auch die Kollegen aus Kansas an. »Auch wenn Ärzte nicht krakeliger schreiben als die Allgemeinheit«, so das Team, »sollten sie doch versuchen, ihre Handschrift über die der übrigen Menschheit zu heben.«
Mark Benecke ist Kriminalbiologe und Spezialist für forensische Entomologie. Der 1970 geborene ist seit 1999 jeden Samstag zu aktuellen wissenschaftlichen Themen auf dem Berliner Sender Radio Eins zu hören.

KOMMENTAR:
Zack, so ist es dann auch gekommen. Aber eigentlich ist das so unterhaltsam, dass ich die Sache im Komitee doch noch einmal auf den Konferenztisch werfen werde. Da mir dort aber eh keiner zuhört, werde ich es einfach schriftlich einreichen – vielleicht sogar per Hand.

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