Raus aus Deutschland – Problem: Ärzteabwanderung

Es war eigentlich ein ganz normales Verhalten in ihrer Situation, jedenfalls nach Maßstäben des deutschen Klinikalltags. Nicht aber im britischen National Health Service. Dr. Kathrin Petersdorf hatte einen anstrengenden Nachtdienst im Krankenhaus von Haywards Heath und viel zu tun, erinnert sie sich. Als bei all dem Stress ein Arzt im Praktikum mit einer Frage zu ihr kam, „da habe ich ihn angeschnauzt“, was man sich bei der liebenswürdigen 33-Jährigen nur schwer vorstellen kann. „Da wurde mir aber sehr schnell klargemacht von den Kollegen und auch von den Pflegern, dass das einfach nicht geht. Fragen muss man beantworten.“ So ist das nun mal in einem englischen Krankenhaus. Die Weiterbildung sei überhaupt in Großbritannien besser. „Man wird in England nicht nur im Krankenhaus abgestellt und soll was lernen. Es gibt einen genauen Lehrplan, der auch überprüft wird durch die Tutoren.“

Feste Pläne im Ausland zu arbeiten

Momente des Kulturschocks wie den von Kathrin Petersdorf erleben beim Eintauchen in ein fremdes Gesundheitssystem alle Ärzte, die sich zur Arbeit ins Ausland aufmachen. Und das tun aus Deutschland nach wie vor mehrere tausend pro Jahr, auch wenn sich die Abwanderung in jüngster Zeit etwas verlangsamt hat. Laut Bundesärztekammer machten im Jahr 2001 1437 Ärzte einen neuen beruflichen Anfang in einem anderen Land. Bis zum Jahr 2004 stieg diese Zahl auf 2731 Auswanderer. In den beiden folgenden Jahren wurde dieser Höhepunkt nicht mehr erreicht, aber die Zahlen bleiben auf einem hohen Niveau. Fest steht, dass eine erhebliche Zahl des hier ausgebildeten ärztlichen Nachwuchses seine berufliche Zukunft zunächst nicht in Deutschland gestalten will. Der Trend ist stabil. Immerhin 20 Prozent der jungen Ärzte, die für eine aktuelle Studie des Instituts für Freie Berufe der Universität Erlangen-Nürnberg befragt wurden, haben feste Pläne im Ausland zu arbeiten.

Das Land, aus dem die DRGs herkommen

Susanne Burth wäre auch gerne in Deutschland geblieben, damals nach dem Studium in Freiburg und der AIP-Zeit in Berlin. Doch die Stellensuche für die Facharztausbildung als Kinderärztin war schwierig. „Ich weiß noch, dass ich sehr traurig war, als ich nur Absagen gekriegt habe“, sagt die 35-Jährige. Schließlich bewarb sie sich über eine Vermittlungsagentur im Internet in Australien. Dort herrscht außerhalb der Metropolen fast überall Ärztemangel, weswegen inzwischen massiv ausländische Mediziner angeworben werden. Im Juli 2004 fing Susanne Burth als Assistenzärztin an einem Krankenhaus in Brisbane an. Vom australischen Gesundheitssystem hatte sie zu dieser Zeit keine große Ahnung, nur eine eher negative Assoziation: „Ich wusste, dass das das Land ist, aus dem die Diagnosis Related Groups kommen“, das berüchtigte Fallpauschalensystem. „Komischerweise machen das in Australien aber gar nicht die Ärzte, sondern Menschen in der Buchhaltung. Deutschland hat das übernommen, aber den Ärzten aufgebuttert.“ Das war nicht der einzige Unterschied, den sie rasch mitbekam. Sechs Kliniken hat sie in den vergangenen vier Jahren kennen gelernt. Denn dass man als Arzt im Rahmen des sogenannten Secondments „ausgeliehen“ wird, ist ganz normal. „Dadurch kann jeder Arzt mal in einer großen Klinik arbeiten und auch mal in einer kleinen Klitsche.“ Inzwischen ist Susanne Burth in der Pädiatrie eines Krankenhauses in der Metropole Sydney gelandet. Den Wechsel nach Australien hat sie nicht bedauert, obwohl für einige Tage mit der Familie in Deutschland nun schon mal der halbe Jahresurlaub draufgeht. „Aber wenn ich damals in Deutschland etwas in Aussicht gehabt hätte“, sagt sie, „hätte ich den Schritt nicht gemacht.“

Enttäuschungen über den Arbeitsalltag

In der Zentrale des Marburger Bunds in Berlin berät Ruth Wichmann auswanderungswillige Mediziner. Und sie hat jede Menge zu tun. Die Gründe der Auswanderer seien über die Jahre andere geworden, sagt sie. Früher, in Zeiten der Ärzteschwemme, hätten die Leute Deutschland verlassen, weil sie keinen Job bekamen und sich gesagt hätten, „bevor ich Taxi fahre, gehe ich eben ins Ausland.“ Heute gingen die jungen Mediziner aus Enttäuschung über ihren Arbeitsalltag, aus einer Unzufriedenheit mit einem System, das ihnen Arbeitsbedingungen biete, die ihnen nicht erlaubten, Beruf und Familie oder Freizeit unter einen Hut zu bringen. „Wenn ein Land es sich leistet, dass es seine Leistungsträger schlecht bezahlt und behandelt, dann gehen die eben.“ Die Studie des Instituts für Freie Berufe, die von der Ludwig-Sievers-Stiftung in Auftrag gegeben wurde, belegt, dass es zumeist weder berufliche Perspektivlosigkeit noch schiere Abenteuerlust ist, die die Ärzte aus dem Land treibt. Für die meisten von ihnen (51 Prozent der Befragten) ist die Hoffnung auf bessere bzw. leistungsgerechtere Bezahlung entscheidend. Daran haben auch die neuen Tarifverträge – die Befragung fand im Frühjahr 2007 statt – nichts ändern können. Spricht man mit jungen Ärzten, wird schnell deutlich, dass es ihnen dabei aber nicht so sehr um bestimmte Eurosummen geht, zumal in Ländern wie der Schweiz oder Großbritannien die Gehälter zwar üppiger, aber auch die Lebenshaltungskosten erheblich höher sind. Wichtiger ist ihnen, dass die Abrechnungssysteme in anderen Ländern gerechter und durchschaubarer seien.

Vernünftige Relationen

„Ich hatte in England nie das Gefühl, dass mich jemand nicht fair bezahlen will“, formuliert es Kathrin Petersdorf. Das Gehaltsgefüge für die Krankenhausärzte in Großbritannien sei vollkommen transparent und nachvollziehbar. Ähnliche Erfahrungen hat auch ihr Kollege Mathias Kremer in den zweieinhalb Jahren gemacht, die er als Assistenzarzt an Schweizer Krankenhäusern verbracht hat. „Jede gearbeitete Stunde wurde als Dienst gezählt“, berichtet er, „jeder Nachtdienst wurde als gearbeitet gezählt.“ Gleichzeitig fand er, dass Arbeits- und freie Zeit in einer vernünftigen Relation standen. „In Deutschland ist man hart zu sich selbst. In der Schweiz bin ich jeden Tag mit Kollegen zum Mittagessen gegangen.“ Zunächst nur für ein Auslandsjahr war Kremer in die Schweiz gegangen, daraus wurden schließlich zweieinhalb Jahre in Bern und im Wallis. Zurück nach Deutschland gekommen ist der 33-Jährige nur, um seine Facharztausbildung zu machen. Danach würde er auch gern wieder in die Schweiz zurückgehen.

Bessere Arbeitsbedingungen

Das Alpenland ist bei weitem das populärste Ziel bei den auswandernden Ärzten. Im Juli 2005 waren gut 1900 Deutsche Mitglieder in der Standesorganisation FMH, der „Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte“. Im November 2007 waren es schon mehr als 2700. Insgesamt kommt mittlerweile fast jeder zehnte in der Schweiz berufstätige Mediziner aus Deutschland. Nicht bei allen Schweizer Kollegen stößt das auf Begeisterung. „Ich hatte nicht erwartet, dass man doch so sehr als Ausländer behandelt wird“, sagt Mathias Kremer. An seinem ersten Schweizer Arbeitsplatz, einer Klinik in Bern, hatte ihm sein Chef eine Verlängerung seines Jahresvertrags fest zugesagt. Aber als Kremer aus seinem Urlaub in Deutschland zurückkehrte, war die Stelle zwischenzeitlich an eine Schweizerin vergeben worden, „versehentlich“ wie man ihm erklärte. Diskriminierung als Deutsche hat Kathrin Petersdorf, die ihre komplette Allgemeinarztausbildung in Großbritannien gemacht hat, dagegen nicht erlebt. „Viel Interesse und Toleranz“ brächten die Briten ihren Kollegen aus den verschiedensten Herkunftsländern entgegen. Überhaupt sei das Arbeitsklima kollegialer und entspannter. Dass die Hierarchien in den Kliniken angelsächsischer Länder, der Schweiz oder Skandinaviens flacher sind, empfinden viele der ausgewanderten Ärzte als ausgesprochen angenehm. Nach der Bezahlung sind bessere Arbeitsbedingungen für etwa 35 Prozent das zweitwichtigste Argument für einen Wechsel ins Ausland, hat die Erlanger Studie gezeigt.

Immer ansprechbar

„Man wird nicht angeschnauzt, weil man etwas nicht weiß. Auch Chefärzte sind immer ansprechbar und es gehört zum Berufsethos dazu, Kollegen auf einer Ebene zu behandeln“, berichtet Kathrin Petersdorf aus England. Sie lernte auch das stark zentralisierte System des National Health Service schätzen. Da das eher schmale Budget des NHS optimal auf alle Patienten verteilt werden soll, nehmen Beratungsgespräche einen viel größeren Raum ein. Nur in etwa jeder dritten Konsultation wird dann etwas verschrieben. Dieser ganzheitliche, beratende Ansatz, in dem der Arzt auch Funktionen eines Psychotherapeuten oder Sozialarbeiters übernimmt, führt aus Kathrin Petersdorfs Sicht auch zu einer größeren Zufriedenheit der Ärzte. Sie jedenfalls sieht das Praxisjahr ihrer Allgemeinarztausbildung als „das glücklichste berufliche Jahr, das ich hatte.“

Ärzte: volkswirtschaftlich knappes Gut

Könnten die Ärzte ihre positiven wie negativen Auslandserfahrungen in das deutsche Gesundheitssystem einbringen, es wäre wohl eine große Bereicherung. Aber, das belegt eine Studie, die das Bundesministerium für Gesundheit schon 2004 herausgab, 82 Prozent der deutschen Ärzte, die im Ausland arbeiten, haben nicht die Absicht zurückzukehren. Susanne Burth etwa will zwar nicht für immer in Australien bleiben. Aber nach Deutschland zieht es sie auch nicht unbedingt zurück. „Mit dieser groben Art im Berufsumgang hätte ich Schwierigkeiten. Ich habe keine Lust, mich für jede Überstunde zu rechtfertigen. Ich fand das Arbeiten in Deutschland nicht so toll.“ Insgesamt waren nach Zahlen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung Ende vergangenen Jahres etwa 16 000 deutsche Ärzte im Ausland tätig, 3500 mehr als 2004. Durch Ärztezuwanderung, vor allem aus Osteuropa, lässt sich die entstehende Lücke zwar weitgehend schließen. Aber die KBV sieht den anhaltenden Braindrain der in Deutschland hervorragend ausgebildeten Ärzte doch mit Sorge. „Ärzte sind ein volkswirtschaftlich knappes Gut“, sagt der KBV-Vorsitzende Andreas Köhler. „Wir haben einen enormen Bedarf an Ärzten, und wir brauchen sie jetzt, in den nächsten Jahren.“ Er fordert zum Handeln auf. „Ich nehme junge Ärzte als sehr mobil wahr. Es ist entscheidend, wie attraktiv wir den Arztberuf in Deutschland halten. Da geht es um ‚Hard Facts’, wie die Bezahlung oder die Arbeitszeiten, aber eben auch um weiche Faktoren, wie Familienfreundlichkeit.“  Vielleicht wäre es für den einen oder anderen Mediziner auch nur eine Frage des Perspektivwechsels, wie bei Kathrin Petersdorf, die heute in Berlin lebt: „Als Arzt war ich in England glücklicher“, sagt sie, „als Patient bin ich es in Deutschland.”